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22.5.2008 von admin.
Verloren sind diese Kinder, weil ihnen etwas sehr Wichtiges vorenthalten worden ist, etwas, das ihnen geholfen hätte, sich erfolgreich in ihr Umfeld einzubringen: Erziehung.
Ich suche demnach nicht nach medizinischen Schubladen, in die hinein ich sie vor meinem Blick, vor meiner Sorge und Verantwortung verstecken kann, sondern teile die Ansicht vieler Großeltern, dass diese Kinder einfach nur “unerzogen” sind. Und die Situation wird noch ernster, wenn man bedenkt, dass man das Verlorene ganz gewiss nicht einfach zu einem späteren Zeitpunkt nachholen, ja zurückholen kann. Diese fehlenden Kompetenzen, die man im Allgemeinen mit dem Begriff “Schulreife” verknüpfen möchte, die erwerben Kinder nicht in der Schule sondern vor der Schulzeit im Elternhaus.
In Baden-Württemberg hat man sich jetzt dagegen vorgenommen, Kinder in der Schule für die Schule fit zu machen. Man hat gemerkt, dass Eltern immer zurückhaltender werden und sich nicht trauen, und das zunehmend auch gut begründet, ihre Kinder mit 6 Jahren in die Schule zu geben.
Es fehlt vielen Kindern einfach das Handwerkszeug für das gemeinsame Lernen in der Gruppe. Ein Beispiel ist die häufig fehlende Frustrationstoleranz, das Aushalten-Können von Nichtbeachtung, ja sogar von Ablehnung. Und so reagieren diese Kinder wie Dreijährige, denen man kurz die Aufmerksamkeit entzieht: sie werden laut, aggressiv und unruhig.
Viele Lehrer handeln im Glauben an ihre pädagogische Supermacht und versuchen es mit einer Art von Nacherziehung, sie versuchen es mit Strenge, mit Lob und Tadel, mit ausgefeilten Anti-Aggressionsprogrammen, Tausenden von Gesprächen, sie versuchen erfolglos “Korrekturen” vorzunehmen und enden in Wut oder Überheblichkeit.
Dabei finden diese späten Umlernprozesse, wenn überhaupt nur in einem ganz kleinen, engen therapeutischen Rahmen statt.
Und wir merken gar nicht, wie sehr wir uns dabei selbst in die eigene Tasche lügen.
Der erste Schritt, der allererste, wäre der, dass wir bescheiden werden und anerkennen,
Erst dann kann der Blick darauf abzielen, was wir durch unsere Arbeit eventuell doch anregen, was wir “entzünden” können.
Die täglich wachsende Katastrophe, der Erziehungsnotstand,
ist meist nicht durch Erziehungsfehler, sondern häufig durch das Fehlen von Erziehung entstanden. Erziehung ist für viele zu anstrengend und zu zeitraubend geworden.
Es bleibt aber die Frage offen, und das Suchen nach Antworten wird für manche Kollegen zur Existenzfrage, wie man mit “unerzogenen” nicht gruppenfähigen, jungen Egomanen so etwas Komplexes und Soziales wie Unterricht und Lernen organisieren kann. Das dies sehr schwierig ist zeigen ja auch die Ergebnisse der Pisastudie.
Wir brauchen zunächst also einen realistischen Blick auf die Aufgabe, die uns beschäftigt. Nur wenn die Hindernisse bekannt sind, die Bruchstellen, die Umwege, dann können wir uns begegnen und ein Stück gemeinsam gehen.
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