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Scheitern am Kind! (ersch. Okt. 2008 im Karlsruher Kind)

Liebe Frau Sauermost,

ich danke Ihnen für die ruhige und klärende Art, wie sie in der Ausgabe 9, Karlsruher Kind, Ursachen und Hintergründe für einen misslungenen Integrationsversuch beleuchten.

Den konkreten Fall kenne ich leider nicht, aber mit der Integration von „schwierigen“ Kindern kenne ich mich als Sonderschullehrer ein wenig aus. Der kleine Ben, wie sie ihn nennen, durfte also kein weiteres Jahr in der Regel-Einrichtung verbleiben, weil, wie sie darstellen, die „Verständigungsschwierigkeiten“ der Erwachsenen unüberbrückbar waren. Dabei zitieren sie selbst auch die Begründung der Einrichtung: Das Kinderhaus könne Ben nicht gerecht werden.

Lassen wir einmal alle weiteren Erklärungen beiseite, so liegt für mich in dieser Begründung allein schon eines der Kernprobleme von Integrationspädagogik. Die Einrichtung scheiterte am Kind!  Und wenn dieses Scheitern, das natürlich auch ein gesellschaftliches ist, ernsthaft von allen Betroffenen reflektiert wird, ohne dass man sich den Schwarzen Peter hin und her schiebt, dann liegt darin auch gleich eine gute Chance, in Zukunft erfolgreicher zu sein. Natürlich sind alle Faktoren wichtig, die Sie aufzählen, und ein positives Gesprächsklima zwischen den Erwachsenen dient sicherlich auch der Förderung vor Ort. Aber entscheidend ist die pädagogische Arbeit der „Profis“ am Vormittag, und da scheint es ungelöste Probleme gegeben zu haben. Beachten Sie bitte einmal allein die strukturellen Vorgaben: Sie berichten von einer Einrichtung, „mit gutem Ruf, viel Erfahrung und acht Integrationsplätzen.“  Der gute Ruf sei ihr gerne gegönnt. Aber woher stammen die zahlreichen Erfahrungen bei der Integration von behinderten Kindern?  So lange gibt es behinderte Kinder, insbesondere geistigbehinderte und autistische Kinder noch nicht in Regelkindergärten. Wie oft haben die Erzieherinnen in den entsprechenden Einrichtungen für Behinderte hospitiert? Außerdem nutzen hier Vorerfahrungen nur bedingt. Jedes Kind, auch jedes autistische Kind ist individuell verschieden. Eine sonderpädagogische Erfahrung besagt, dass wir keine verlässlichen Zahlen in Bezug auf den Betreuungsschlüssel festlegen können, insbesondere bevor wir das behinderte Kind genauer kennen.

Mich erstaunt also, dass eine Einrichtung generell sagen kann, dass sie acht Integrationsplätze hat. Vermutlich waren dies zwei oder drei Plätze  zu viel, in dem Moment als Ben in einer ihrer Gruppen mit den anderen Kindern spielen und lernen wollte. Ein flexibles Integrationskonzept muss in schwierigen Fällen zumindest zeitweilig eine 1-zu-1-Betreuung ermöglichen. Und so lange dies nicht leistbar ist, sollten integrationswillige Einrichtungen schon im Vorgespräch auf ihr Anforderungsprofil hinweisen. „Bei uns“, so könnte es zum Beispiel heißen, „können behinderte Kinder integriert werden, die mit anderen friedlich spielen können und deren Eltern die pädagogischen Ratschläge der Erzieherinnen befolgen.“ (Folgerichtig heißt es ja auch in der Regelschule noch immer, dass dort nur behinderte Kinder integriert werden können, die dem entsprechenden Bildungsgang folgen können.)

Dabei ist von den Eltern kaum zu erwarten, dass sie im Voraus den Betreuungsaufwand für ihr Kind in einer Kindergartengruppe richtig einschätzen können. Sie kennen zwar ihr Kind gut, aber nicht den Alltag einer 20-köpfigen KG-Gruppe, inklusive zwei bis drei Verhaltensauffälliger. Der angemessene Betreuungsschlüssel ergibt sich demnach nur aus eigenen Beobachtungen der Erzieherinnen bei einem Probebesuch des Kindes von mehreren Tagen.  Eine integrativ arbeitende Einrichtung muss autonom über finanzielle und personelle Mittel verfügen können, um sich flexibel auf die Problematik insbesondere der behinderten Kinder einstellen zu können. Und dabei darf sie sich wie jeder andere Betrieb nicht übernehmen.  Der ehemalige Kindergarten meiner Tochter war schon mit dem üblichen Ziel, normal begabte Kinder schulreif  zu machen, fast überfordert.   

Leider bleibt das beschriebene Scheitern nicht folgenlos, zumindest nicht bei den Kindern, die gehen müssen, obwohl sie gerade vielleicht nette Spielgefährten gefunden haben. Die meisten meiner Sonderschüler haben mehrere halbherzige Integrationsversuche in Regeleinrichtungen hinter sich (inklusive Schulwechsel und Klassenwiederholungen).

Und ich kann Ihnen versichern: Das Gefühl „Ich bin anders und gehöre nicht dazu“ sitzt sehr tief in den Knochen. Es schwächt das Selbstwertgefühl und erschwert erfolgreiches Lernen über Jahre hinaus.

Und so wird auch der kleine Ben in ein paar Jahren wahrscheinlich in meiner Klasse sitzen, weil er nicht in die starre Schullandschaft seines Wohnviertels passt. Bei uns in der Sonderschule ist er willkommen, auch wenn er bis dahin die Lust aufs Lernen und Spielen wie die meisten seiner Mitschüler verloren hat.

Wie viel lernen Förderschüler?

Meine These lautet:
Förderschüler ab Klasse 7 lernen in Deutsch und Mathematik in ihrer Schule fast nichts mehr hinzu!

Das ist eine gewagte Behauptung.
Gestützt wird sie einmal durch meine Erfahrung: immerhin ein Jahrzehnt Oberstufe. Dies könnte jedoch bedeuten, dass nur die Schüler meiner Klassen nichts mehr dazu lernen, also mein Unterricht so schlecht ist.
Kürzlich habe ich jedoch eine Meldung in den Medien vernommen, nach der sogar in den Realschulen in Deutschland die 15-Jährigen in Mathe kaum noch etwas lernen.

siehe: Bericht hier

Wenn die Lage bei den Realschülern so ernst ist, wie soll es erst in den Hauptschulen oder in den Förderschulen aussehen?
Und wie siehts beim Lesen und Schreiben aus?
Die Schüler der Klasse 9, die gut lesen können und ganze Sätze schreiben, die konnten das meiner Erfahrung nach auch schon am Anfang der Klasse 7. Die schwachen Leser haben ihre Leistungen in den letzten zwei Jahren auch kaum verbessert.

Diese Erkenntnis ist zunächst einmal schmerzhaft.

Sie bedeutet u.a., dass tausende von Deutsch- und Mathestunden für die Katz waren.
Was aber läuft dann falsch? Ist der Unterricht falsch konzipiert? Gibt es vielleicht sensible Phasen bis zum Alter von 13 Jahren für Rechnen und Deutsch und ist danach vielleicht sowieso nichts mehr möglich?

Die Frage nach der Effektivität von Schule, insbesondere der Förderschule ist nur selten gestellt und noch seltener erforscht worden. Dabei gibt es sogar Hinweise, dass Förderschüler mehr lernen würden, wenn sie auf der Allgemeinen Schule bleiben.
Eine Zusammenfassung dazu findet sich bei Schroeder, 2005, “Lernbehindertenpädagogik”, ab Seite 2007. Ein Fazit, dass Schröder von Haeberlin kennt, lautet: Erfolg im Sozialen und Emotionalen, Misserfolg bei der Leistungsförderung.

So sind die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen, bei denen Lernbehinderte auf der Regelschule mit denen auf der Sonderschule verglichen wurden.
Ein heißes Thema, das gewiss nicht so schnell im Rahmen von Selbstevaluation verhandelt wird. 
Da forscht man lieber nach, ob sich auch alle wohl fühlen oder ob die Schulleitung auch zu allen nett ist. Lernleistungen von Förderschülern sind nicht gefragt. Vielleicht hat man ja Angst vor den möglichen Ergebnissen? Vielleicht ahnen wir im Stillen, dass wir einen riesigen Aufwand betreiben und dabei nur im Trüben fischen und Luftschlösser bauen. Skandalös wäre das, und wer will schon Skandale an seiner Schule. Was wir uns doch alle  wünschen ist kurz umrissen: Friede, Freude, Eierkuchen.

Die kleine Schule von nebenan…

das ist die Schule, in der ich mit meinen Kumpels aus der Straße gehe. Dort wissen die Lehrer, was hier im Viertel so los ist.
Abends findet noch Judo statt in der Halle, ein Lehrer ist der Judolehrer und ich bin auch mit dabei. Eigentlich lerne ich in der Klasse ganz für mich alleine, ich weiß gar nicht genau, welche Aufgaben die Mitschüler gerade bekommen, zumindest in Deutsch und Mathe. Wir haben einen Zweitlehrer, der mit rum geht, also brauche ich nicht lange zu warten, bis ich Hilfe bekomme.
In den Sachfächern arbeiten wir oft in der Gruppe an coolen Projekten. Erst kürzlich haben wir ein Boot restauriert. Natürlich gehört auch eine Menge Theorie dazu: Ich weiß jetzt auch, warum ein schweres Boot schwimmen kann. Klar gibt es auch Außenseiter: Peter ist der Klassenclown, Paula redet fast kein Wort und Jim sitzt im Rollstuhl. Aber irgendwie würde jeder fehlen, wenn er nicht mehr da wäre. Schließlich sind wir eine Gruppe, die 9 Jahre zusammenbleibt. Der Klassenlehrer unterrichtet fast alle Fächer, so dass wir kaum Lehrerwechsel haben. Nur in Sport und Kochen haben wir andere Lehrer, da hat er keine Ahnung. Dienstags um 18.00 Uhr singe ich im Schulchor und mein Vater, das ist der Hit, spielt dabei Gitarre. Eltern dürfen auch Vieles mitmachen. Eine Gruppe trommelt manchmal auch dazu, ich glaube, die sind behindert.

Wenns mal Stress gibt, Ärger und Streitereien, dann muss man in den Trainingsraum bis nachmittags, da wird dann alles geklärt mit der Schulsozialarbeiterin. Manmal kommt es auch zu einer Widergutmachung. Dann musst du zum Beispiel bei den Kleinen die Hausaufgaben regeln. Überhaupt achten alle auf ein gutes Benehmen, mit Respekt und so. Es gibt Punkte für gutes Verhalten. Wenn einer nach ein paar Jahren über 50 Sozialpunkte hat, dann hat er gewisse Freiheiten. Ein paar Schüler der Klasse 9 dürfen sogar alleine im Klassenraum arbeiten, ohne Lehrer oder in den PC-Raum, wann sie wollen. Ich habe erst 25 Punkte, damit darf ich zweimal am Nachmittag in die Fahrradwerkstatt, weil ich mir da ein Super-Rad zusammenbaue. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Monat lang einen Kleinen sicher auf seinem Schulweg begleite, dann bekomme ich 5 neue Sozialpunkte und dann darf ich endlich in die Hiphop-Gruppe, wenn die anderen Musikunterricht haben.
Hier fühle ich mich wohl, hier will ich bleiben.