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Eine Schule für alle! 2007
Dieser Eintrag stammt von admin Am 22.5.2008 @ 20:34 In Inklusion | 3 Kommentare
Im vergangenen Jahr gab es viele Menschen, die dem immer lauter werdenden Ruf in Deutschland „Eine Schule für alle“ folgten. Mitte November fuhren 2500 Interessierte dazu nach Köln, eine Woche später waren es 800 in Ludwigsburg. Eine Volksinitiative in Hamburg bringt es mittlerweile auf über 12000 Unterschriften. Fleißig wurden Konzepte für mehr gemeinsames Lernen gesucht und erarbeitet, wobei hier insbesondere die skandinavischen Länder, einschließlich Dänemark als Vorbild fungierten. Diese Haltung, dieser pädagogische Anspruch, lässt sich mit der Leitidee aus Finnland zusammenfassen: „Kein Kind darf verloren gehen“.
Unter dieser Prämisse machten sich demnach auch immer mehr Menschen auf den Weg und forderten strukturelle Veränderungen. Neue Möglichkeiten wurden geschaffen für das gemeinsame Lernen, sogar in Baden Württemberg: Außenklassen, ISEP, Einzelintegration.
Dabei findet die Idee des gemeinsamen Lernens in der Grundschule bis zur sechsten Klasse auch in Süddeutschland immer mehr Anhänger. Abgesehen von diesen vereinzelten Vorstößen in die inklusive Pädagogik, angetrieben von engagierten Eltern und von einzelnen Wissenschaftlern wie Hans Wocken, werden zur Zeit immer noch fast alle Kinder mit Behinderungen, auch Kinder mit Lern- und Entwicklungsproblemen früher oder später in eine Sonderschule überwiesen. Dabei braucht es kein Downsyndrom, um in einer Klasse 1 z.B. in Ettlingen auffällig zu werden:
Meine Tochter war etwa 4 Monate jünger als die Mitschüler und hatte einen entsprechenden Rückstand nur in Mathematik. Außerdem fing sie schneller an zu weinen bei Frust, wie das eben jüngere Kinder so tun. Und schon hat man uns nahe gelegt, die Klasse zu wiederholen.
4 Monate Rückstand in einem Fach, und zweimal Weinen am Vormittag: das bedeutet in vielen unserer Grundschulklassen schon das Ende von Integration, dort nämlich, wo noch immer das gleichschrittige Lernen gefordert wird. Alle Schülerinnen und Schüler arbeiten zur gleichen Zeit an den selben Aufgaben im Mathebuch. Da muss man kein Experte sein, um zu erkennen, dass hierbei einige Schüler von Anfang an über- und andere unterfordert werden.
Wir brauchen dringend mehr innere Differenzierung in den Schulen, so wie die entsprechenden Lernmaterialien. Aber nicht nur die Lehrer müssen dazu lernen, wenn sie heterogene Klassen unterrichten wollen. Auch manche Kinder können schlecht damit umgehen, wenn der Nachbar andere Aufgaben bearbeitet, wenn sie geduldig warten müssen, bis das sprachbehinderte Kind ausgesprochen hat oder wenn ein hyperaktives Kind am Nachbartisch nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen kann. Das ständige Vergleichen untereinander und das Sich-Durchsetzen bestimmen in vielen Grundschulklassen noch immer das Lernklima.
Die sozialen Fähigkeiten, die Toleranz erst ermöglichen, erwerben die Kinder, - auch die meisten behinderten Kinder! -, im wesentlichen aber durch die Erziehung im vorschulischen Bereich und in der Familie.
In diesem Sinne, was Rücksicht und Empathie anbetrifft, sind viele Kinder überhaupt nicht mit 7 Jahren schulreif. (Viele hatten dazu noch nie Kontakt zu behinderten Kindern.)
Darüber hinaus gilt: Kinder, die z.B. noch nie ihr Zimmer selbständig aufgeräumt haben, können im offenen Unterricht auch nicht angemessen mit Lernmaterialen umgehen. Das bedeutet, dass wir Eltern unsere Kinder auf das gemeinsame Lernen besser vorbereiten müssen. Hilfe zum Erreichen dieser Schulreife sollte uns der Kindergarten anbieten. Die Tätigkeiten meiner Tochter im Kindergarten in Ettlingen begrenzten sich drei lange Jahre hauptsächlich auf das individuelle und spontane Spielen, Toben und Kuscheln. Gebastelt haben wir zu Hause! Die Erzieherinnen saßen meist irgendwo am Rande und planten intensiv den täglichen 20-Minuten-Stuhlkreis. Klar, dass es dann nach Schuleintritt bei vielen Probleme gibt. Die größte Herausforderung bei der Integration stellen dabei jedoch nicht die sinnesgeschädigten oder lernbeeinträchtigten Kinder, sondern die aggressiven Kinder mit Verhaltensproblemen dar.
Größte Anstrengungen wären noch notwendig, um diese „kleinen Tyrannen“ (Prekop) in einer gemischten Gruppe mit zu fördern.
(Auch ich war damals schnell der Meinung, ein Mädchen sollte die Gruppe oder den Kindergarten verlassen, nach dem es meine Tochter ins Gesicht gebissen hatte.) Natürlich könnten alle diese Kinder in der Regelgruppe bleiben, wenn es genügend Unterstützung gäbe. Dazu müssen die Probleme natürlich offensiv angegangen werden. Die Träger der Einrichtungen und die Schulverwaltung müssen endlich die sonderpädagogischen Kompetenzen, die es ja gibt, in die Regelgruppen von Kindergarten und Schule verlagern. Solche Gruppen müssen kleiner sein und bei Bedarf muss ein zweiter Förderlehrer dazu, der durch seine Nähe insbesondere den verhaltensauffälligen Kindern mehr Orientierung bietet. So mancher Lernhelfer in der Grundschulzeit würde einen Bewährungshelfer im späteren Alter überflüssig machen. Das Lernen solcher gemischten Gruppen braucht außerdem wieder mehr Kontinuität. Der andauernde Lehrerwechsel über den Vormittag ist für alle Kinder, nicht nur für die schwachen, von Nachteil. Aus diesem Grund müssen viele Lehrer z.B. an der Gesamtschule in Köln, Holweide, auch fachfremd unterrichten. Dort arbeitet man seit Jahrzehnten mit Erfolg integrativ. Der häufige Lehrerwechsel an unseren Schulen findet auch deshalb statt, weil häufig Teilzeitkräfte Klassenlehrerfunktion übernehmen. Lernen in gemischten Gruppen erfordert von allen Beteiligten außerdem mehr Flexibilität. Manche Kinder brauchen Lernangebote auch am Nachmittag, oder sogar in den Ferien. Einige lernen gerne und mit Erfolg am PC, andere lernen in der Kleingruppen, und kaum ein Kind lernt im 45-Minuten-Takt. Bei einem schrittweisen Abbau von sonderpädagogischen Einrichtungen würden auch Ressourcen frei für therapeutische, heilpädagogische und medizinische Stützangebote in den wohnortnahen Stadtteilschulen. Voraussetzung für die Bildung gemischter Lerngruppen ist eine gute Durchmischung der sozialen Verhältnisse in den Stadtteilen. Insbesondere in den größeren Städten gibt es regelrechte Ghettos, in der sich bestimmte Bevölkerungsgruppen sammeln. Die Probleme in den dazu gehörigen „Ghettoschulen“ sind uns aus den Medien bekannt. (siehe Rütli-Schule)
Auf gewisse Weise entwickeln sich auch an unseren Förderschulen in den Kleinstädten solche unguten Ghetto-Milieus, in denen Vorurteile gegenüber ausländischen oder behinderten Mitbürgern blühen können. Unser durchgegliedertes Sonderschulsystem fördert insofern die Diskriminierung von Minderheiten. Schüler, die das Gefühl haben, dass sie ganz unten angekommen sind, brauchen wiederum andere noch schwächere Gruppen, auf die sie hinabschauen können.
Eine Förderschülerin meiner Klasse, selbst nicht ausbildungsfähig, meinte einmal, dass sie nicht in das Schul-Schwimmbad gehen würde, weil dort ja Behinderte im Wasser waren.
Solche Vorurteile sind natürlich auch an Grund- und Hauptschulen denkbar, die eine Außenklasse unter ihrem Dach eingerichtet haben. Denn das Nebeneinander von Behinderten und Nichtbehinderten bedeutet noch lange kein Miteinander.
Im Rahmen von Selbstevaluation sollte jede Schule – und insbesondere jede „Integrationsschule“ - für sich ermitteln, inwieweit wirklich gemeinsames Lernen stattfindet. Aus Integration muss Inklusion werden.
Dies ist ein wichtiger Baustein für die Verbesserung von Schulqualität. Es liegt noch ein langer Weg vor uns bis zur Gemeinschaftsschule, an deren Pforte kein Kind abgewiesen wird. Aber das Ziel wird immer deutlicher sichtbar – und die ersten Schritte sind getan.
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