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Behindert gemacht! (durch Mobbing)
Dieser Eintrag stammt von admin Am 22.5.2008 @ 20:03 In Inklusion | 2 Kommentare
(in leicht geänderter Form erschienen in: Karlsruher Kind 12/09)
Warum müssen Kinder auf eine Sonderschule?
Kürzlich saßen Jenny und Jasmin bei mir in der Förderschule gegen 13.15 Uhr vor dem Lehrerzimmer und machten freiwillig „Überstunden“. „Das ist ja toll, dass ihr noch länger bleibt,“ sprach ich die beiden eher schüchternen Mädchen an. „Sag mal, Jenny, du arbeitest so fleißig und deine Noten sind super. Warum gehst du nicht zurück auf die Hauptschule?“ Jenny antwortete mir: „Da geh ich nie wieder hin! Die würden mich sofort wieder fertig machen, so wie früher.
“Das verschlug mir die Sprache. Da nimmt dieses Mädchen, dass sicherlich normal begabt ist, freiwillig den Status „behindert“ in Kauf, nur um dem Klima in der Hauptschule zu entgehen. Was ist los an unseren Schulen? Dafür hatte ich nicht Sonderpädagogik studiert und dafür sind die Förderschulen eigentlich auch nicht errichtet worden: als Fluchtraum für Verfolgte. Es scheint immer wieder Kinder zu geben, die auf ihre eigentümliche Weise in ihrer Schule zur Zielscheibe werden. Sie sind die Loser, an deren Niederlagen sich die „kleinen Tyrannen“ (Prekop/Winterhoff) innerhalb der Rangordnung emporziehen, und die dann irgendwann ganz aus der Schule herausgemobbt werden. Im Überprüfungsverfahren ist natürlich dann von Lernstörungen die Rede und von Konzentrationsproblemen. Wer hätte diese Probleme nicht, wenn er täglich beschimpft und ausgelacht wird?
Oder nehmen wir den kleinen Nico aus der Klasse 5, er ist gerade mal zwei Monate bei uns und erzählte zu Hause: „Bei der Schule stimmt irgendetwas nicht.“ Darauf die Mutter: „Was ist denn los?“ „Die Lehrer dort beschimpfen mich ja gar nicht.“ Nach Aussage der Mutter, macht Nico seit Jahren zum ersten Mal freiwillig jeden Tag die Hausaufgaben. Er geht wieder gerne zur Schule. In der alten Schule, so die Mutter, hätten die Lehrer Unterschriften gegen ihren Sohn gesammelt.
Hier in der Sonderschule scheint es manchen Kindern demnach besser zu gehen. Warum ist das so? Gewiss sind wir keine besseren Lehrer und wir haben auch keine besonderen Lehrmethoden. Fragen wir doch einfach mal danach, was sich für Nico im Vergleich zum alten Schuljahr alles geändert hat? Sicherlich hat ihm der Tapetenwechsel gut getan. Er hat ihm geholfen, aus seinem Rollenmuster „der Clown, der sich verweigert“ auszusteigen. Und er stößt nun auf Lehrer, die ihm unvoreingenommen begegnen - und ihn vor Mobbing schützen können. In seiner Klasse sind nur 10 Schüler. Er hat 8 Wochen Pause genossen vom Noten- und Leistungsdruck. Wenn er Bauchweh hat, dann kann er sich ein wenig in ein Ruhezimmer legen. In der Pause findet er 4 aufsichtsführende Lehrer (bei 180 Kindern), bei denen er sich auch mal aussprechen kann. Der Lehrer rief zweimal zu Hause bei Nico an- nicht um sich zu beklagen, sondern um zu fragen, wo es Probleme gibt, die zu klären sind. Das alles - ich möchte sagen: so wenig! – war notwendig, die Freude am Lernen bei Nico neu zu wecken. Und da drängt sich doch die Frage auf, warum diese Maßnahmen in der wohnortnahen Grund- und Hauptschule nicht möglich waren? (eine kleinere Lerngruppe für Problemschüler, Wechsel in die Parallelklasse, mehr Aufsicht …)
Ein bisschen mehr Flexibilität und Achtsamkeit, und die Bereitschaft zu einer integrativen Pädagogik - bei Lehrern und in der Schulverwaltung: dann könnten Kinder, wie Nico, Jenny, Jasmin und andere in ihrer „Heimatschule“ bleiben. Sie müssten dann nicht um 6.00 Uhr jeden Morgen aufstehen und mit dem „Spezialbus“ eine Stunde lang zur „Spezialschule“ fahren. Sie hätten jetzt außerdem auch mehr Unterricht in Fremdsprachen und mehr Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern, und das vielleicht jeden Tag auch noch nach 13.00 Uhr. Denn das können wir ihnen leider immer noch nicht bieten – bei uns an der Schule für Lernbehinderte.
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