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Behindert gemacht!

Dieser Eintrag stammt von admin Am 22.5.2008 @ 20:03 In Unsere Hauptschule | Keine Kommentare

Kürzlich saßen zwei Mädchen bei mir in der Förderschule gegen 13.15 Uhr vor dem Lehrerzimmer und machten freiwillig „Überstunden“. Nennen wir sie Jenny und Jasmin. Ich sprach eine von ihnen an: „Das ist ja toll, dass ihr noch länger bleibt. Sag mal, Jenny, du  arbeitest so fleißig, Deine Noten sind super und du kommst gut mit deinen Mitschülern aus. Warum gehst Du nicht zurück auf die Hauptschule?“
Folgende  Antwort erhielt ich: „Da geh ich nie wieder hin. Die würden mich sofort wieder fertig machen, so wie früher.“

 

Diese Antwort verschlug mir die Sprache. Da nimmt dieses Mädchen, dass sicherlich normal begabt ist,  freiwillig den Status „behindert“ in Kauf, nur um dem Terrorklima in der Hauptschule zu entgehen. Was ist los an unseren Schulen? Dafür hatte ich nicht Sonderpädagogik studiert und dafür sind die Förderschulen eigentlich auch nicht errichtet worden: als Schonraum für Unterdrückte.

Es scheint Schüler und Schülerinnen zu geben, die auf ihre eigentümliche Weise in der Hauptschule zur Zielscheibe werden. Sie sind die Loser, an deren Niederlagen sich die kleinen Tyrannen innerhalb der Rangordnung emporziehen, und die dann irgendwann ganz aus der Schule herausgemobbt werden.

Im Überprüfungsverfahren ist natürlich dann von Lernstörungen die Rede und von Konzentrationsproblemen, dabei werden die wirklichen Ursachen gerne verschwiegen.

Auch ich könnte nicht mehr in Ruhe lernen, wenn ich jeden Tag Angst hätte, wenn ich bedroht werde und ausgelacht, nur weil ich vielleicht ein wenig kleiner bin, oder ruhiger oder dünner oder sonst irgendwie anders.

An unserer Schule scheint es dem Mädchen anscheinend besser zu gehen. Warum ist das so? Gewiss sind wir keine besseren Lehrer, auch unter unseren Schülern gibt es Rangeleien.

Aber irgendwie eint uns Sonderpädagogen eine Kultur des Hinsehens, in der sich kein Schüler ausgeliefert fühlen braucht. Zum Beispiel haben wir in der großen Pause 4 Lehrer als Aufsicht eingesetzt bei 180 Schülern. Es gibt eigentlich keine längeren Phasen, in der Schüler unbeaufsichtigt sind. Konflikten wird sofort auf den Grund gegangen und das sofortige Gespräch mit den Eltern ist dabei selbstverständlich.

Was müsste an der Hauptschule passieren, damit dieses Mädchen wieder dort den Unterricht besuchen könnte?  Schulleitung, Lehrer und Eltern müssten gemeinsam wieder ein Klima von Respekt und Anerkennung herstellen, statt sich gegenseitig zu bekriegen. Durch pädagogische Passivität und Ratlosigkeit ist in manchen Schulen ein Machtvakuum entstanden, in dem sich das jugendliche Faustrecht, verkleidet in einer unsäglich dummen und diskriminierenden Hiphop-Kultur ausbreiten konnte. Auch an Realschulen und Gymnasien schauen die Verantwortlichen gerne zur Seite, wenn die selbsternannten Leader in ihren Markenklamotten umhergehen, andere beschimpfen und auslachen. Das Buch von Bueb „Lob der Disziplin“ gehört meiner Meinung nach als Pflichtlektüre in jedes Lehrerzimmer.

Fälschlicherweise wird der häufige Einsatz von Ordnungsmaßnahmen im Rahmen von §90 Schulgesetz von vielen als Schwäche aufgefasst. Wenn dagegen keine Strafmeldungen nach außen dringen, wenn gewalttätige Übergriffe von Schülern im kleinen Gesprächkreis „sozialverträglich“ unter den Teppich gekehrt werden, dann genießt die Schule nach Außen einen guten Ruf.

Eigentlich hätte Jenny in ihrer Klasse bleiben können. Sie würde jetzt Englisch lernen, hätte mehr naturwissenschaftlichen Unterricht und wahrscheinlich sogar nachmittags Lernphasen. Das können wir ihr alles an der Förderschule leider nicht bieten.

Die anderen, die sie fertig gemacht haben, hätten dagegen die Schule- oder zumindest die Klasse wechseln müssen. Stattdessen haben sie Jenny behindert gemacht.


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