Behindert gemacht! (durch Mobbing)

(in leicht geänderter Form erschienen in: Karlsruher Kind 12/09)

Warum müssen Kinder auf eine Sonderschule? 

Kürzlich saßen Jenny und Jasmin bei mir in der Förderschule gegen 13.15 Uhr vor dem Lehrerzimmer und machten freiwillig „Überstunden“. „Das ist ja toll, dass ihr noch länger bleibt,“ sprach ich die beiden eher schüchternen Mädchen an. „Sag mal, Jenny, du  arbeitest so fleißig und deine Noten sind super. Warum gehst du nicht zurück auf die Hauptschule?“ Jenny antwortete mir:  „Da geh ich nie wieder hin! Die würden mich sofort wieder fertig machen, so wie früher.

Das verschlug mir die Sprache. Da nimmt dieses Mädchen, dass sicherlich normal begabt ist,  freiwillig den Status „behindert“ in Kauf, nur um dem Klima in der Hauptschule zu entgehen. Was ist los an unseren Schulen? Dafür hatte ich nicht Sonderpädagogik studiert und dafür sind die Förderschulen eigentlich auch nicht errichtet worden: als Fluchtraum für Verfolgte. Es scheint immer wieder Kinder zu geben, die auf ihre eigentümliche Weise in ihrer Schule zur Zielscheibe werden. Sie sind die Loser, an deren Niederlagen sich die „kleinen Tyrannen“ (Prekop/Winterhoff)  innerhalb der Rangordnung emporziehen, und die dann irgendwann ganz aus der Schule herausgemobbt werden. Im Überprüfungsverfahren ist natürlich dann von Lernstörungen die Rede und von Konzentrationsproblemen. Wer hätte diese Probleme nicht, wenn er täglich beschimpft und ausgelacht wird?

Oder nehmen wir den kleinen Nico aus der Klasse 5, er ist gerade mal zwei Monate bei uns und erzählte zu Hause: „Bei der Schule stimmt irgendetwas nicht.“ Darauf die Mutter: „Was ist denn los?“ „Die Lehrer dort beschimpfen mich ja gar nicht.“ Nach Aussage der Mutter, macht Nico seit Jahren zum ersten Mal freiwillig jeden Tag die Hausaufgaben. Er geht wieder gerne zur Schule. In der alten Schule, so die Mutter, hätten die Lehrer Unterschriften gegen ihren Sohn gesammelt.

 Hier in der Sonderschule scheint es manchen Kindern demnach besser zu gehen. Warum ist das so? Gewiss sind wir keine besseren Lehrer und wir haben auch keine besonderen Lehrmethoden.  Fragen wir doch einfach mal danach, was sich für Nico im Vergleich zum alten Schuljahr alles geändert hat?  Sicherlich hat ihm der Tapetenwechsel gut getan. Er hat ihm geholfen, aus seinem Rollenmuster „der Clown, der sich verweigert“ auszusteigen. Und er stößt nun auf Lehrer, die ihm unvoreingenommen begegnen - und ihn vor Mobbing schützen können. In seiner Klasse sind nur 10 Schüler. Er hat 8 Wochen Pause genossen vom Noten- und Leistungsdruck. Wenn er Bauchweh hat, dann kann er sich ein wenig in ein Ruhezimmer legen. In der Pause findet er 4 aufsichtsführende Lehrer (bei 180 Kindern), bei denen er sich auch mal aussprechen kann. Der Lehrer rief zweimal zu Hause bei Nico an- nicht um sich zu beklagen, sondern um zu fragen, wo es Probleme gibt, die zu klären sind. Das alles - ich möchte sagen: so wenig! – war notwendig, die Freude am Lernen bei Nico neu zu wecken. Und da drängt sich doch die Frage auf, warum diese Maßnahmen in der wohnortnahen Grund- und Hauptschule nicht möglich waren? (eine kleinere Lerngruppe für Problemschüler, Wechsel in die Parallelklasse, mehr Aufsicht …)

Ein bisschen mehr Flexibilität und Achtsamkeit, und die Bereitschaft zu einer integrativen Pädagogik - bei Lehrern und in der Schulverwaltung: dann könnten Kinder, wie Nico, Jenny, Jasmin und andere in ihrer „Heimatschule“ bleiben. Sie müssten dann nicht um 6.00 Uhr jeden Morgen aufstehen und mit dem „Spezialbus“ eine Stunde lang zur „Spezialschule“ fahren. Sie hätten jetzt außerdem auch mehr Unterricht in Fremdsprachen und mehr Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern, und das vielleicht jeden Tag auch noch nach 13.00 Uhr. Denn das können wir ihnen leider immer noch nicht bieten – bei uns an der Schule für Lernbehinderte. 

2 Antworten auf “Behindert gemacht! (durch Mobbing)”

  1. admin sagt:

    Leserbrief von Roland Rohl: Karlsruher Kind 1/2009

    Bisher dachte ich, dass beim “Karlsruher Kind” ein gewisses Niveau gepflegt wird - seit dem Leserbrief von Herrn Giesecke zweifle ich allerdings daran. (….)Vom Alltag an der Hauptschule hat Herr Giesecke keine Ahnung: An der Schule, an der ich seit 1980 unterrichte, gibt es auch Ruhezimmer, auch vier aufsichtsführende Lehrer, bei denen sich die Kinder aussprechen können, gelungene Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern, Kinder, die um 6 Uhr aufstehen, etc. Ich denke, an jeder Schulart gibt es mehr engagierte als weniger engagierte Kollegen ebenso wie mehr oder weniger problematische Schüler, wobei m. E. die Anzahl der unerzogenen Kinder stetig zunimmt. Herr Giesecke soll sich freuen, dass ihm nur zehn Schüler anvertraut sind, in anderen Schulen sind es zwischen 25 und 39, was seine pädagogischen Möglichkeiten logischerweise begünstigt. (…) Ein Pamphlet wie “Behindert gemacht”, von dem ich eigentlich immer noch nicht weiß, wozu es geschrieben wurde (Werbung für Gieseckes Förderschule? Heben des eigenen Ego? Verarbeiten schlechter eigener Erfahrungen? (….), hilft - glaube ich - keinem. (……)

  2. admin sagt:

    Hallo Herr Rohl,
    ich habe mir erlaubt, Ihren Leserbrief, für den ich mich auch bedanken möchte, hier in den blog zu stellen. Ein konstruktiver Austausch zwischen Regelschule und Sonderschule halte ich für sehr sinnvoll. Aber kommen wir mal zu den Argumenten auf die Sie eingehen. (Ich habe natürlich nur die Kurzfassung Ihres Briefes gesehen)
    Zuerst möchte ich Ihnen gratulieren, dass Sie die genannten Strukturen auch an Ihrer Schule haben: Aufsicht, Ruheraum usw. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass sich hier jemand angesprochen fühlte, den ich eigentlich nicht meinte. An Ihrer Schule kommt solch ein Fall von Mobbing vielleicht nicht vor. Ich kenn aber andere Schulen- auch Hauptschule zur Genüge. Leider sind Sie auf die weiteren Argumente kaum eingegangen. Von engagierten Kollegen habe ich nichts geschrieben. Und von problematischen Schülern allgemein auch nicht- und deren Zunahme. Sie können gewiss sein, dass ich mit 10 Schülern keinen besonderen Grund habe, mich zu freuen. Es kommt ja immer auf die bestimmte Zusammensetzung an. Die Zahl alleine besagt nichts. Wir haben zwischen 7 und 15 Schülern in den Klassen. Jeder Einzelne ein schwieriger Fall, mit ganz unterschiedlichen Lern- und Verhaltensstörungen, die die angenehme Gruppengröße ganz schnell wieder vergessen lassen. Mein Thema war Mobbing- und das gibt es natürlich an allen Schulen und Schularten. (Nur haben wir bei uns kaum die Möglichkeit, uns von Schülern zu trennen)
    Ich möchte auch bestimmt keine Werbung machen für die Förderschule, ich glaube, das wird in diesem Blog hier deutlich. Vielmehr möchte ich mich für eine Pädagogik einsetzen, die schwächere und stillere Schüler beschützen kann.
    Ich gebe zu, dass ich mich dabei vielleicht einseitig auf die Hauptschule beziehe. Leider kenne ich keine Realschüler, die das gleiche Schicksal an ihrer Schule erlebt haben- was es natürlich auch gibt. Bitte sehen Sie auch noch einen wichtigen Punkt: ein Kind, das zu uns kommt, erhällt automatisch das Ettikett “behindert”. Wenn Ihr eigenes Kind (durchschnittlich intelligent) zu uns müsste, weil es in der hauptschule nicht mehr klar kommt- dann würden Sie vielleicht anders darüber denken. Wir brauchen - und das ist das erklärte Ziel der GEW- ein Schule für alle, die keinen mehr vor die Türe setzt.

    Viele Grüße

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