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22.5.2008 von admin.
Meine These lautet:
Förderschüler ab Klasse 7 lernen in Deutsch und Mathematik in ihrer Schule fast nichts mehr hinzu!
Das ist eine gewagte Behauptung.
Gestützt wird sie einmal durch meine Erfahrung: immerhin ein Jahrzehnt Oberstufe. Dies könnte jedoch bedeuten, dass nur die Schüler meiner Klassen nichts mehr dazu lernen, also mein Unterricht so schlecht ist.
Kürzlich habe ich jedoch eine Meldung in den Medien vernommen, nach der sogar in den Realschulen in Deutschland die 15-Jährigen in Mathe kaum noch etwas lernen.
siehe: Bericht hier
Wenn die Lage bei den Realschülern so ernst ist, wie soll es erst in den Hauptschulen oder in den Förderschulen aussehen?
Und wie siehts beim Lesen und Schreiben aus?
Die Schüler der Klasse 9, die gut lesen können und ganze Sätze schreiben, die konnten das meiner Erfahrung nach auch schon am Anfang der Klasse 7. Die schwachen Leser haben ihre Leistungen in den letzten zwei Jahren auch kaum verbessert.
Diese Erkenntnis ist zunächst einmal schmerzhaft.
Sie bedeutet u.a., dass tausende von Deutsch- und Mathestunden für die Katz waren.
Was aber läuft dann falsch? Ist der Unterricht falsch konzipiert? Gibt es vielleicht sensible Phasen bis zum Alter von 13 Jahren für Rechnen und Deutsch und ist danach vielleicht sowieso nichts mehr möglich?
Die Frage nach der Effektivität von Schule, insbesondere der Förderschule ist nur selten gestellt und noch seltener erforscht worden. Dabei gibt es sogar Hinweise, dass Förderschüler mehr lernen würden, wenn sie auf der Allgemeinen Schule bleiben.
Eine Zusammenfassung dazu findet sich bei Schroeder, 2005, “Lernbehindertenpädagogik”, ab Seite 2007. Ein Fazit, dass Schröder von Haeberlin kennt, lautet: Erfolg im Sozialen und Emotionalen, Misserfolg bei der Leistungsförderung.
So sind die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen, bei denen Lernbehinderte auf der Regelschule mit denen auf der Sonderschule verglichen wurden.
Ein heißes Thema, das gewiss nicht so schnell im Rahmen von Selbstevaluation verhandelt wird.
Da forscht man lieber nach, ob sich auch alle wohl fühlen oder ob die Schulleitung auch zu allen nett ist. Lernleistungen von Förderschülern sind nicht gefragt. Vielleicht hat man ja Angst vor den möglichen Ergebnissen? Vielleicht ahnen wir im Stillen, dass wir einen riesigen Aufwand betreiben und dabei nur im Trüben fischen und Luftschlösser bauen. Skandalös wäre das, und wer will schon Skandale an seiner Schule. Was wir uns doch alle wünschen ist kurz umrissen: Friede, Freude, Eierkuchen.
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22.5.2008 von admin.
das ist die Schule, in der ich mit meinen Kumpels aus der Straße gehe. Dort wissen die Lehrer, was hier im Viertel so los ist.
Abends findet noch Judo statt in der Halle, ein Lehrer ist der Judolehrer und ich bin auch mit dabei. Eigentlich lerne ich in der Klasse ganz für mich alleine, ich weiß gar nicht genau, welche Aufgaben die Mitschüler gerade bekommen, zumindest in Deutsch und Mathe. Wir haben einen Zweitlehrer, der mit rum geht, also brauche ich nicht lange zu warten, bis ich Hilfe bekomme.
In den Sachfächern arbeiten wir oft in der Gruppe an coolen Projekten. Erst kürzlich haben wir ein Boot restauriert. Natürlich gehört auch eine Menge Theorie dazu: Ich weiß jetzt auch, warum ein schweres Boot schwimmen kann. Klar gibt es auch Außenseiter: Peter ist der Klassenclown, Paula redet fast kein Wort und Jim sitzt im Rollstuhl. Aber irgendwie würde jeder fehlen, wenn er nicht mehr da wäre. Schließlich sind wir eine Gruppe, die 9 Jahre zusammenbleibt. Der Klassenlehrer unterrichtet fast alle Fächer, so dass wir kaum Lehrerwechsel haben. Nur in Sport und Kochen haben wir andere Lehrer, da hat er keine Ahnung. Dienstags um 18.00 Uhr singe ich im Schulchor und mein Vater, das ist der Hit, spielt dabei Gitarre. Eltern dürfen auch Vieles mitmachen. Eine Gruppe trommelt manchmal auch dazu, ich glaube, die sind behindert.
Wenns mal Stress gibt, Ärger und Streitereien, dann muss man in den Trainingsraum bis nachmittags, da wird dann alles geklärt mit der Schulsozialarbeiterin. Manmal kommt es auch zu einer Widergutmachung. Dann musst du zum Beispiel bei den Kleinen die Hausaufgaben regeln. Überhaupt achten alle auf ein gutes Benehmen, mit Respekt und so. Es gibt Punkte für gutes Verhalten. Wenn einer nach ein paar Jahren über 50 Sozialpunkte hat, dann hat er gewisse Freiheiten. Ein paar Schüler der Klasse 9 dürfen sogar alleine im Klassenraum arbeiten, ohne Lehrer oder in den PC-Raum, wann sie wollen. Ich habe erst 25 Punkte, damit darf ich zweimal am Nachmittag in die Fahrradwerkstatt, weil ich mir da ein Super-Rad zusammenbaue. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Monat lang einen Kleinen sicher auf seinem Schulweg begleite, dann bekomme ich 5 neue Sozialpunkte und dann darf ich endlich in die Hiphop-Gruppe, wenn die anderen Musikunterricht haben.
Hier fühle ich mich wohl, hier will ich bleiben.
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22.5.2008 von admin.
Verloren sind diese Kinder, weil ihnen etwas sehr Wichtiges vorenthalten worden ist, etwas, das ihnen geholfen hätte, sich erfolgreich in ihr Umfeld einzubringen: Erziehung.
Ich suche demnach nicht nach medizinischen Schubladen, in die hinein ich sie vor meinem Blick, vor meiner Sorge und Verantwortung verstecken kann, sondern teile die Ansicht vieler Großeltern, dass diese Kinder einfach nur “unerzogen” sind. Und die Situation wird noch ernster, wenn man bedenkt, dass man das Verlorene ganz gewiss nicht einfach zu einem späteren Zeitpunkt nachholen, ja zurückholen kann. Diese fehlenden Kompetenzen, die man im Allgemeinen mit dem Begriff “Schulreife” verknüpfen möchte, die erwerben Kinder nicht in der Schule sondern vor der Schulzeit im Elternhaus.
In Baden-Württemberg hat man sich jetzt dagegen vorgenommen, Kinder in der Schule für die Schule fit zu machen. Man hat gemerkt, dass Eltern immer zurückhaltender werden und sich nicht trauen, und das zunehmend auch gut begründet, ihre Kinder mit 6 Jahren in die Schule zu geben.
Es fehlt vielen Kindern einfach das Handwerkszeug für das gemeinsame Lernen in der Gruppe. Ein Beispiel ist die häufig fehlende Frustrationstoleranz, das Aushalten-Können von Nichtbeachtung, ja sogar von Ablehnung. Und so reagieren diese Kinder wie Dreijährige, denen man kurz die Aufmerksamkeit entzieht: sie werden laut, aggressiv und unruhig.
Viele Lehrer handeln im Glauben an ihre pädagogische Supermacht und versuchen es mit einer Art von Nacherziehung, sie versuchen es mit Strenge, mit Lob und Tadel, mit ausgefeilten Anti-Aggressionsprogrammen, Tausenden von Gesprächen, sie versuchen erfolglos “Korrekturen” vorzunehmen und enden in Wut oder Überheblichkeit.
Dabei finden diese späten Umlernprozesse, wenn überhaupt nur in einem ganz kleinen, engen therapeutischen Rahmen statt.
Und wir merken gar nicht, wie sehr wir uns dabei selbst in die eigene Tasche lügen.
Der erste Schritt, der allererste, wäre der, dass wir bescheiden werden und anerkennen,
Erst dann kann der Blick darauf abzielen, was wir durch unsere Arbeit eventuell doch anregen, was wir “entzünden” können.
Die täglich wachsende Katastrophe, der Erziehungsnotstand,
ist meist nicht durch Erziehungsfehler, sondern häufig durch das Fehlen von Erziehung entstanden. Erziehung ist für viele zu anstrengend und zu zeitraubend geworden.
Es bleibt aber die Frage offen, und das Suchen nach Antworten wird für manche Kollegen zur Existenzfrage, wie man mit “unerzogenen” nicht gruppenfähigen, jungen Egomanen so etwas Komplexes und Soziales wie Unterricht und Lernen organisieren kann. Das dies sehr schwierig ist zeigen ja auch die Ergebnisse der Pisastudie.
Wir brauchen zunächst also einen realistischen Blick auf die Aufgabe, die uns beschäftigt. Nur wenn die Hindernisse bekannt sind, die Bruchstellen, die Umwege, dann können wir uns begegnen und ein Stück gemeinsam gehen.
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